1,75 Billionen US-Dollar. So lautet die Zahl, auf die sich der Kapitalmarkt am 12. Juni 2026 geeinigt hat, als SpaceX unter dem Ticker SPCX an der Nasdaq seinen ersten Handelstag erlebte. Mehr als Coca-Cola, Samsung und Netflix zusammen. Mehr als die Marktkapitalisierung aller deutschen DAX-Unternehmen zusammengerechnet.
Aber ist diese Zahl richtig?
Die ehrliche Antwort lautet: Es kommt darauf an, wen man fragt. Und die Spanne der Antworten ist größer als bei fast jedem anderen Börsengang der Geschichte. Morningstar sagt: SpaceX ist 780 Milliarden Dollar wert — weniger als die Hälfte. CFRA empfiehlt Verkauf und setzt das Kursziel bei 115 Dollar — unter dem Ausgabepreis. Goldman Sachs, als Lead-Underwriter, projiziert einen Umsatz von 474 Milliarden Dollar bis 2030. ARK Invest sieht 2,5 Billionen Dollar Enterprise Value bis 2030.
Das sind keine kleinen Meinungsverschiedenheiten. Das ist ein Bewertungsgefälle von mehreren Billionen Dollar. Und für jeden Anleger, der überlegt, ob SPCX in sein Portfolio gehört, ist das Verstehen dieser Differenz wichtiger als jeder Kursverlauf des ersten Handelstags.
Warum SpaceX so schwer zu bewerten ist
Ehe man Zahlen vergleicht, muss man das grundlegende Problem verstehen.
Die klassische Bewertung eines Unternehmens folgt einem einfachen Prinzip: Man schaut, wie viel Geld es heute verdient, wie schnell es wächst und was vergleichbare Unternehmen kosten. Bei Apple: Starkes Wachstum, starke Margen, Vergleich mit Microsoft und Alphabet. Straightforward.
Bei SpaceX bricht dieses Prinzip in mehrfacher Hinsicht.
Problem 1: SpaceX ist kein einzelnes Unternehmen. Nach der xAI-Integration im Mai 2026 ist SpaceX gleichzeitig ein Satellitennetz-Betreiber, ein Raumfahrtdienstleister, ein KI-Entwickler, eine Social-Media-Plattform und ein Raketenhersteller. Diese Segmente haben völlig unterschiedliche Wachstumsdynamiken, Risikoprofile und Bewertungslogiken.
Problem 2: Der Konzern schreibt Verluste, obwohl seine Kernsparte Rekordgewinne einfährt. Starlink — das einzig stabil profitable Segment — hat 2025 einen operativen Gewinn von 4,4 Milliarden Dollar bei einer EBITDA-Marge von 63 Prozent erwirtschaftet. Gleichzeitig hat das KI-Segment über sechs Milliarden Dollar operativen Verlust eingefahren. Das Konzernergebnis 2025: minus 4,94 Milliarden. Wie bewertet man ein Unternehmen, dessen Kern profitabel ist, aber von einem anderen Teil aktiv subventioniert werden muss?
Problem 3: Starship ist der größte Bewertungstreiber — und noch nicht kommerziell bewiesen. Ein erheblicher Teil der 1,75-Billionen-Bewertung preist eine Technologie ein, die noch in der Entwicklung ist. Starship könnte die Raumfahrtindustrie revolutionieren. Es könnte aber auch erhebliche weitere Verzögerungen erleiden. Diese Unsicherheit spiegelt sich in der extremen Meinungsvielfalt der Analysten wider.
Segment für Segment: Was SpaceX wirklich wert ist
Der sauberste Weg zur Bewertung ist die Sum-of-the-Parts-Methode (SOTP): Jedes Geschäftssegment wird einzeln bewertet, dann summiert. Das macht Morningstar — und das ist der seriöseste Ansatz für ein Konglomerat dieser Komplexität.
Segment 1: Starlink — das Fundament der Bewertung
Starlink ist der Anker. Alle anderen Bewertungsdiskussionen bauen auf dieser Basis auf.
Die Fakten (2025):
- Umsatz: 11,4 Milliarden Dollar (+48 Prozent ggü. 2024)
- Operativer Gewinn: 4,4 Milliarden Dollar (Verdopplung ggü. 2024)
- EBITDA: 7,2 Milliarden Dollar
- EBITDA-Marge: 63 Prozent
- Abonnenten: 10,3 Millionen in 164 Ländern
- Satelliten im Orbit: über 9.600
Was Analysten daraus machen:
Morgan Stanley projiziert für das Starlink-Segment bis 2030 einen Umsatz von rund 50 Milliarden Dollar — bei einer EBITDA-Marge von weiterhin rund 50 Prozent. Das entspräche einem Starlink-EBITDA von 25 Milliarden Dollar. Bei einem Infrastruktur-Multiple von 20x EBITDA (was für ein Wachstumsunternehmen eher konservativ ist) ergäbe sich ein Starlink-Wert von 500 Milliarden Dollar allein — bis 2030.
Morningstar ist zurückhaltender. Analyst Nicolas Owens bewertet Starlink und das Raketengeschäft zusammen mit rund 611 Milliarden Dollar. Das ist eine konservativere Einschätzung, die auf langsameres Abonnentenwachstum und zunehmenden Wettbewerb durch Amazon Leo setzt.
Was beide Szenarien teilen: Starlink ist heute schon ein substanzieller, eigenständiger Wert — weit über dem, was die meisten Telekommunikationsunternehmen an der Börse bringen. Eutelsat, der europäische Satellitenbetreiber, ist mit weniger als fünf Milliarden Euro bewertet. SES, ein weiterer europäischer Anbieter, handelt in ähnlichen Dimensionen. Starlink ist strukturell anders: schnelleres Wachstum, höhere Margen, direkter Endkundenzugang, militärische Verträge, globales Monopol im LEO-Consumer-Markt.
Wichtiges Detail: Im Mai 2026 erhöhte SpaceX die Starlink-Preise um bis zu 10 Dollar pro Monat. Das ist die erste wirkliche Preiserhöhung nach Jahren des Wachstums. Es signalisiert den Übergang von der Wachstumsphase in die Monetarisierungsphase — strategisch ein starkes Signal, kurzfristig jedoch ein potenzieller Abonnentendämpfer.
Segment 2: Raketengeschäft — strategischer Wert, kurzfristig unprofitabel
Falcon 9, Dragon, staatliche Missionen und kommerzielle Starts brachten 2025 einen Umsatz von 4,09 Milliarden Dollar — bei einem operativen Verlust von 657 Millionen Dollar.
Wie bewertet man ein Geschäft, das strategisch einzigartig ist, aber Geld verliert? Der Marktanteil von SpaceX im kommerziellen Startmarkt liegt bei rund 90 Prozent. Es gibt schlicht keine relevante Alternative auf dem weltweiten Markt. Das ist ein De-facto-Monopol — und Monopole werden an der Börse premium bewertet, selbst wenn sie aktuell unprofitabel sind.
Morningstar rechnet das Raketengeschäft in die 611-Milliarden-Schätzung für Starlink plus Space mit ein. Die implizite Bewertung: mehrere Dutzend Milliarden für einen Markt, in dem SpaceX marktbeherrschend ist, aber noch in die nächste Generation (Starship) investiert.
Das eigentliche Werttreiber-Potenzial liegt im Starship. Wenn das System die versprochene Wiederverwendbarkeit von 85 Prozent oder mehr erreicht, sinken die Startkosten um einen Faktor zehn bis zwanzig. Das würde nicht nur das Raketengeschäft profitabel machen — es würde Märkte öffnen, die heute ökonomisch nicht machbar sind: Mondminen, Mars-Logistik, Orbital-Datenzentren.
Segment 3: KI — das Milliarden-Fragezeichen
Das KI-Segment, bestehend aus xAI (Grok-Modell) und X (ehemals Twitter), ist der volatilste Bewertungstreiber.
Die nüchternen Zahlen:
- KI-Umsatz 2025: 3,2 Milliarden Dollar
- KI-operativer Verlust 2025: über 6 Milliarden Dollar
- Investitionsanteil an Konzern-Capex: rund 60 Prozent
Goldman Sachs, der Underwriter mit dem interessantgestellten Interesse an einem hohen Ausgabepreis, projiziert das KI-Segment auf 322 Milliarden Dollar Umsatz bis 2030. Um das einzuordnen: Das entspräche einem Wachstum von 322 Milliarden auf Basis von 3,2 Milliarden — also einer Verhundertfachung in fünf Jahren. Zum Vergleich: OpenAI, das aktuell führende KI-Unternehmen, erzielt 2025 rund 12 Milliarden Dollar Umsatz und wächst stark — aber bei weitem nicht mit diesem Tempo.
Morningstar bewertet das KI-Segment mit 170 Milliarden Dollar. Das ist eine Einschätzung, die xAI als KI-Herausforderer mit echtem, aber unsicherem Potenzial behandelt — nicht als nächste Microsoft.
Das Kernproblem: Grok konkurriert mit OpenAI GPT, Google Gemini, Anthropic Claude und Meta AI. Alle haben substanzielle Ressourcen und etablierten Nutzerkreis. xAIs Vorteil — die X-Plattform als Datenquelle und Starlinks Infrastruktur als theoretischer Distributionskanal — ist real, aber noch nicht in Umsatz verwandelt.
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Die wichtigsten Bewertungskennziffern im Vergleich
Zahlen ohne Kontext sind wertlos. Hier die relevanten Multiples von SpaceX im direkten Vergleich.
Kurs-Umsatz-Verhältnis (KUV):
- SpaceX (Ausgabepreis 135$): ~94x Jahresumsatz 2025
- SpaceX (basierend auf 2026er Prognose 22–24 Mrd.): ~73–80x
- Nvidia: ~25x (größtes KI-Chip-Unternehmen der Welt)
- Apple: ~8x
- Alphabet (Google): ~6x
- Tesla: ~12x
- Vergleich: SpaceX handelt auf dem Zehnfachen von Google — bei negativem Nettoergebnis
EBITDA-Multiple (Starlink-Segment isoliert):
- Starlink-EBITDA 2025: 7,2 Milliarden Dollar
- Implizites Starlink-Multiple bei 1,75T Gesamtbewertung: über 240x
- Vergleich Telekommunikationsinfrastruktur: typischerweise 10–20x EBITDA
- Vergleich Wachstums-Infrastruktur (AWS, Azure): 30–50x EBITDA
Kurs-Gewinn-Verhältnis (KGV): Nicht anwendbar — SpaceX schreibt auf Konzernebene Verluste.
Die Zahlen sprechen eine klare Sprache: Die Bewertung von 1,75 Billionen Dollar lässt sich mit aktuellen Kennzahlen nicht rechtfertigen. Sie ist eine Wette auf eine Zukunft. Das macht sie nicht falsch — aber es macht sie angreifbar.
Was die Analysten wirklich sagen: Vier Meinungen, vier Welten
Morningstar: 780 Milliarden — und noch zu viel
Nicolas Owens, Analyst bei Morningstar und Autor der umfangreichsten öffentlichen SpaceX-Bewertung vom 5. Juni 2026, kommt via Discounted-Cashflow-Analyse auf einen fairen Wert von 780 Milliarden Dollar je Aktie — beim Ausgabepreis von 135 Dollar entspricht das einem fairen Kurs von etwa 60 Dollar.
Owens arbeitet mit Wahrscheinlichkeitsszenarien für das kritischste Element der Bewertung: Starship.
- „Minimum Viable Product“-Szenario (50 % Wahrscheinlichkeit): Starship erreicht grundlegende kommerzielle Reife. Wert: plus 23,50 Dollar je Aktie. Gewichteter Beitrag: +11,75 Dollar.
- „Moonshot“-Szenario (7 % Wahrscheinlichkeit): Starship mit 85 % Wiederverwendungsquote, orbital-KI-Datenzentren skalieren. Wert ungewichtet: plus 108 Dollar. Gewichteter Beitrag: +7,56 Dollar.
- „No Go“-Szenario (43 % Wahrscheinlichkeit): Starship schlägt fehl oder bleibt Nischenprodukt, KI-Orbital-Datenzentren scheitern. Wert: minus 6,20 Dollar. Gewichteter Beitrag: -2,67 Dollar.
Was Owens Modell besonders interessant macht: Er bewertet die KI-Sparte explizit als „materielle Gefahr der Wertvernichtung“ und schreibt, Anleger würden nach dem IPO bessere Einstiegsgelegenheiten finden. Das ist keine leichte Aussage — Morningstar ist nicht bekannt für übermäßig pessimistische IPO-Einschätzungen.
CFRA: Verkaufsempfehlung unter dem Ausgabepreis
Das Analysehaus CFRA hat am ersten Handelstag eine „Sell“-Empfehlung veröffentlicht — mit einem Kursziel von 115 Dollar. Das liegt 15 Prozent unter dem Ausgabepreis von 135 Dollar und ist das bärischste Szenario unter den bisher veröffentlichten Analystenmeinungen.
CFRA sieht das Kernproblem in der Kombination: Hohe Bewertung, negativer Konzerngewinn, starke Musk-Abhängigkeit und ein KI-Segment ohne klaren Profitabilitätshorizont. 115 Dollar entspräche einer Bewertung von rund 1,5 Billionen Dollar — immer noch historisch hoch, aber deutlich gedämpfter als der Ausgabepreis.
Goldman Sachs: 474 Milliarden Umsatz bis 2030 — der Optimisten-Fall
Goldman Sachs ist Lead-Underwriter und hat damit ein strukturelles Interesse daran, das Unternehmen attraktiv darzustellen. Trotzdem verdient die Projektion eine kurze Betrachtung.
Die Bank erwartet, dass SpaceX seinen Konzernumsatz auf 474 Milliarden Dollar bis 2030 steigert — davon 322 Milliarden aus dem KI-Segment. Das würde eine KI-Wachstumsrate von über 100-fach in fünf Jahren bedeuten. Auch das Starlink-Segment soll auf rund 130 Milliarden wachsen. Sollten diese Zahlen auch nur zu 30 Prozent eintreten, wäre die heutige Bewertung günstig. Aber „zu 30 Prozent eintreten“ ist keine Prognose — es ist Spekulation.
ARK Invest: 2,5 Billionen bis 2030 — die Tech-Visionärin
Cathie Wood, Gründerin von ARK Invest, hat für SpaceX einen Enterprise Value von 2,5 Billionen Dollar bis 2030 als plausibles Szenario kommuniziert. Wood sieht drei gleichzeitig wachsende exponentielle Kurven: Satellitenkommunikation, Raumfahrtinfrastruktur und KI. Wenn alle drei aufgehen, sei 2,5 Billionen nicht der Deckel, sondern der Anfang.
ARKs Track Record bei Langzeitprognosen ist gemischt — sowohl beeindruckende Treffer als auch spektakuläre Fehler. Wood gehört zu den überzeugendsten Vertretern des SpaceX-Bull-Cases — und zu den konsequentesten Investoren in disruptive Technologien.
Der dänische Pensionsfonds und die Governance-Frage
Eine Perspektive, die in der deutschen Anleger-Community kaum diskutiert wird, verdient besondere Aufmerksamkeit.
AkademikerPension, ein dänischer Pensionsfonds mit rund 25 Milliarden Dollar verwaltetem Vermögen, hat SpaceX ausdrücklich auf eine Ausschlussliste gesetzt. Anlagechef Anders Schelde nennt die Bewertung „grob überbewertet“ und setzt den fairen Wert bei maximal einer Billion Dollar. Aber er geht weiter: Selbst bei einer deutlich niedrigeren Bewertung würde der Fonds SpaceX nicht kaufen — wegen der Governance-Struktur.
Elon Musk hält über 82 Prozent der Stimmrechte. Er fungiert gleichzeitig als CEO, CTO und Verwaltungsratsvorsitzender. Das ist aus Corporate-Governance-Perspektive eine Struktur, die in Europa fast in keinem institutionellen Regelwerk akzeptiert wird. Kein Gegengewicht, keine unabhängige Aufsicht, keine effektive Möglichkeit für Minderheitsaktionäre, Entscheidungen anzufechten.
Für eine Aktie, die in MSCI-World-ETFs und Nasdaq-100-Indexfonds einfluten wird, bedeutet das: Millionen Anleger, die nie aktiv eine Kaufentscheidung treffen, haben SpaceX-Exposure in Portfolios — mit null Stimmrecht und null Einfluss auf Unternehmensführung.
Drei Szenarien für die SpaceX-Bewertung bis 2030
Statt eine einzelne Zahl zu nennen, ist es sinnvoller, mit Szenarien zu arbeiten. Hier sind die drei realistischsten.
Szenario 1: Bear Case — Bewertungskorrektur (Ziel: 700–900 Milliarden Dollar)
Voraussetzungen: Starship bleibt langfristiges Entwicklungsprojekt ohne kommerzielle Reife bis 2030. Das KI-Segment verbrennt weiter Kapital ohne skalierbare Erlöse. Amazon Leo etabliert sich als echter Starlink-Konkurrent und drückt Margen. Die Gesamtbewertung nähert sich der Morningstar-Schätzung von 780 Milliarden Dollar.
Implizierter Kurs (bei unveränderter Aktienanzahl): rund 60 Dollar — 55 Prozent unter dem Ausgabepreis. Das ist das Szenario, das CFRA und Morningstar als wahrscheinlicher als die Marktbewertung einschätzen.
Szenario 2: Base Case — graduelle Reifung (Ziel: 1,2–1,5 Billionen Dollar)
Voraussetzungen: Starlink wächst auf 20–30 Millionen Abonnenten bis 2028. Starship erreicht begrenzte kommerzielle Reife für NASA- und Regierungsmissionen. Das KI-Segment stabilisiert seine Verluste, erreicht aber keine Profitabilität bis 2030. Konzernbewertung konvergiert langsam auf ein vernünftigeres Tech-Multiple.
Implizierter Kurs: 110–130 Dollar. Der Markt hat also im Ausgabepreis schon einen „gut laufenden“ Case eingepreist — dieser ist das, was passiert, wenn alles ungefähr so läuft wie geplant, aber nicht spektakulär besser.
Szenario 3: Bull Case — Transformationsunternehmen (Ziel: 2,5+ Billionen Dollar)
Voraussetzungen: Starship revolutioniert die Startkosten und erschließt Märkte für Mondmissionen und Orbital-Datenzentren. Starlink erreicht 80 Millionen Abonnenten. Direct-to-Cell macht Satelliteninternet allgegenwärtig. Das KI-Segment findet Skaleneffekte und wird profitabel.
Implizierter Kurs: 300–400 Dollar. Dieser Case ist das, worauf ARK Invest und langfristige SpaceX-Fans setzen. Er ist möglich — aber er erfordert das simultane Eintreten mehrerer hochambitionierter Annahmen.
Was die Bewertung letztlich antreibt oder bremst
Statt Kursziele zu prognostizieren, ist es ehrlicher, die entscheidenden Variablen zu benennen.
Variable 1: Starship-Fortschritt. Das ist der wichtigste Einzelfaktor. Jeder Starship-Meilenstein — erfolgreicher Wiederverwendungsnachweis, erster kommerzieller Auftrag, NASA Artemis-Mission — schiebt die Bewertung nach oben. Jede Verzögerung macht den Bull Case schwerer zu verteidigen.
Variable 2: Starlink-Abonnentenwachstum. Über 20 Millionen Abonnenten bis 2028 wären ein starkes Signal. Stagnation bei 12–14 Millionen würde den Zweiflern recht geben.
Variable 3: xAI-Profitabilitätszeitplan. Wann stoppt das KI-Segment, Geld zu verbrennen? Wenn Grok bis 2028 messbare Umsätze erzielt, ändert sich das fundamentale Bild. Wenn nicht, drückt das KI-Segment weiterhin den Konzerngewinn.
Variable 4: Lock-up-Abläufe. Die ersten Insider können nach Bekanntgabe der Q2-2026-Ergebnisse im August Aktien verkaufen. Zehn weitere gestaffelte Fristen folgen. Jedes dieser Ereignisse kann kurzfristigen Verkaufsdruck erzeugen — und mögliche Einstiegsgelegenheiten.
Variable 5: Indexaufnahmen. Die Nasdaq-100-Aufnahme (voraussichtlich Ende Juni 2026) und die MSCI-World-Aufnahme lösen automatische Käufe aus. Das ist strukturell bullisch, unabhängig von den Fundamentaldaten.
Was das für deutsche Anleger konkret bedeutet
SpaceX ist nicht einfach zu bewerten. Es ist vielleicht das schwerste Bewertungsproblem am heutigen Kapitalmarkt. Die Frage „Wie viel ist SpaceX wirklich wert?“ hat keine eindeutige Antwort — sie hat drei valide Antworten je nach Szenariogewichtung.
Was klar ist: Wer heute zum Kurs von rund 155–165 Dollar kauft, zahlt eine Prämie, die nur gerechtfertigt ist, wenn man langfristig an den Bull Case glaubt — Starship, Starlink-Skalierung, KI-Profitabilität.
Wer skeptisch ist, hat gute Begleitung: Morningstar, CFRA und der dänische Pensionsfonds AkademikerPension sind keine Kleinanleger mit Panikreaktion — es sind professionelle, unabhängige Bewerter mit stringenten Methoden.
Wer trotzdem investieren will, investiert am besten in Tranchen — nicht alles auf einmal. August 2026, wenn der erste Lock-up-Ablauf kommt. Dann wenn die Q2-Zahlen als börsennotiertes Unternehmen veröffentlicht werden. Dann wenn der erste Starship-Meilenstein Klarheit bringt.
Die Bewertung von 1,75 Billionen Dollar mag stimmen. Sie kann sich als halbiert herausstellen. Oder sie kann sich innerhalb von fünf Jahren verdoppeln. Alle drei Szenarien haben kompetente Vertreter. Wer das akzeptiert — und trotzdem investiert — tut das mit offenen Augen.
Historischer Vergleich: Wie andere Mega-IPOs bewertet wurden
Kontext ist alles. Die 1,75-Billionen-Bewertung klingt extrem — aber wie hat sich das bei früheren historischen Börsengängen verhalten?
Saudi Aramco (2019): Ausgabepreis entsprechend 1,7 Billionen Dollar Bewertung. Das war zu dem Zeitpunkt das teuerste Unternehmen der Welt. Aramco ist ein Ölkonzern mit glasklaren, stabilen Cashflows und einem staatlichen Auftraggeber. KUV: rund 4–5x. Die Bewertung war konservativ im Vergleich zu Tech-Standards, aber das Unternehmen verdiente nachweislich Milliarden.
Alibaba (2014): Ausgabepreis entsprechend rund 167 Milliarden Dollar Bewertung. KUV: rund 20x. In den folgenden vier Jahren stieg die Aktie auf über 800 Milliarden Marktkapitalisierung. Wer am ersten Handelstag kaufte, verdiente das Vierfache in vier Jahren.
Facebook (2012): Ausgabepreis entsprechend 104 Milliarden Dollar Bewertung. KUV: rund 26x. Die Aktie fiel danach auf 50 Prozent des Ausgabepreises — und erreichte erst drei Jahre später nachhaltig neue Höhen.
Alphabet/Google (2004): Ausgabepreis entsprechend rund 23 Milliarden Dollar Bewertung. KUV: rund 12x. Wer am ersten Handelstag kaufte, hält heute eines der rentabelsten Investments der Börsengeschichte.
Was fällt auf? Die Bewertungs-Multiples der besten langfristigen Tech-Investments lagen zum IPO-Zeitpunkt bei 10–30x Umsatz — nicht 94x. SpaceX betritt eine Liga, die es so noch nicht gab. Das bedeutet nicht automatisch Scheitern. Aber es bedeutet, dass die Fehlertoleranz historisch gering ist.
Die Frage, die sich langfristig denkende Anleger stellen sollten: „Wird SpaceX im Jahr 2031 so aussehen wie Google 2009, Alibaba 2018 oder Facebook 2014?“ Die Antwort auf diese Frage bestimmt, ob der heutige Preis fair ist, zu günstig — oder zu teuer.
Fazit: Die Bewertung ist real, die Unsicherheit auch
SpaceX ist mit 1,75 Billionen Dollar bewertet. Diese Zahl ist weder klar richtig noch klar falsch. Sie ist die kollektive Einschätzung des Kapitalmarkts am Tag des größten Börsengangs der Geschichte — und sie spiegelt eine Zukunft wider, die noch nicht existiert.
Morningstar sagt, man zahlt das Doppelte des fairen Werts. Goldman Sachs sagt, man kauft das Fundament eines der wertvollsten Unternehmen der Welt. CFRA sagt, man sollte nicht kaufen. ARK Invest sagt, man kauft sogar günstig.
Alle vier haben Argumente. Kein einziges ist Gewissheit.
Was bleibt: Wer SpaceX kauft, kauft nicht 1,75 Billionen Dollar Gegenwart. Er kauft eine Wette auf eine Zukunft mit Starship, Starlink in neuen Dimensionen und KI als Ertragstreiber. Ob diese Wette aufgeht, weiß man 2026 noch nicht. Vielleicht 2030. Wer das weiß — und trotzdem dabei ist — investiert mit offenen Augen. Das ist das Mindeste, was ein guter Anlageentscheid verlangt.
Häufige Fragen zur SpaceX-Bewertung
Ist SpaceX mit 1,75 Billionen Dollar überbewertet? Je nach Analysemethode: Ja oder Nein. Morningstar sieht den fairen Wert bei 780 Milliarden (deutlich unterbewertet), Goldman Sachs hält 1,75 Billionen für plausibel, ARK Invest sieht gar 2,5 Billionen bis 2030. Die Wahrheit hängt vom Eintreten ambitionierter Wachstumsszenarien ab.
Wie hoch ist das KUV von SpaceX? Beim Ausgabepreis von 135 Dollar liegt das Kurs-Umsatz-Verhältnis bei rund 94 — basierend auf dem Umsatz von 18,67 Milliarden Dollar im Jahr 2025. Bezogen auf 2026-Prognosen sinkt es auf 73–80. Zum Vergleich: Nvidia liegt unter 25.
Was sagt Morningstar zur SpaceX-Aktie? Morningstar-Analyst Nicolas Owens hält SpaceX für „erheblich überbewertet“ und setzt den fairen Wert auf 780 Milliarden Dollar. Er empfiehlt, auf bessere Einstiegskurse nach dem IPO zu warten.
Was ist das CFRA-Kursziel für SPCX? CFRA hat am ersten Handelstag eine Verkaufsempfehlung mit einem Kursziel von 115 Dollar ausgegeben — 15 Prozent unter dem Ausgabepreis von 135 Dollar.
Dieser Artikel stellt keine Anlageberatung dar. Er dient ausschließlich zu Informationszwecken. Konsultiere bei Anlageentscheidungen einen zugelassenen Finanzberater und lese den S-1-Börsenprospekt.

